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Focus

«Die Kinderchirurgie ist für mich das letzte chirurgische Universalfach.»

Dr. Maite Jiménez Siebert, Ärztin in Weiterbildung, spricht über Erwartungen und Alltag in der kinderchirurgischen Weiterbildung sowie die Zukunft des Fachs aus der Perspektive einer jungen Kinderchirurgin. 

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Die Weiterbildung in der Kinderchirurgie stellt hohe fachliche und persönliche Anforderungen und prägt die nächste Generation von Kinderchirurg:innen entscheidend. Um Einblicke in die Perspektive der Weiterzubildenden zu gewinnen, haben wir mit der Assistenzärztin Maite Jiménez Siebert über ihre Erfahrungen, Erwartungen und Herausforderungen während der Facharztweiterbildung gesprochen. Im Interview berichtet sie, was sie an der Kinderchirurgie begeistert, wie sie die aktuelle Weiterbildungssituation in der Schweiz erlebt und welche Entwicklungen sie sich für die Zukunft des Fachs wünscht.

Was hat dich ursprünglich dazu bewogen, die Facharztweiterbildung für Kinderchirurgie zu machen?

Mein erster Kontakt mit der Kinderchirurgie erfolgte bereits im 1. Semester, im Rahmen eines Pflegepraktikums. Seitdem bin ich vom Fach begeistert und will und kann mir auch kein anderes vorstellen.

Was fasziniert dich besonders an der Kinderchirurgie im Vergleich zu anderen chirurgischen Disziplinen?

Die Kinderchirurgie hat mich von Anfang an in ihren Bann gezogen. Es ist ein unglaublich diverses und reiches Fach mit einer riesigen Bandbreite. Es ist für mich das letzte chirurgische Universalfach, was von der Unfallchirurgie über die Viszeralchirurgie bis hin zur Neurochirurgie fast jedes Gebiet der Chirurgie umfasst und somit auch ein sehr breites chirurgisches Wissen mit sich bringt und erfordert. Man erlangt ein sehr breites Verständnis von Medizin und insbesondere Chirurgie, aber auch Gebiete wie die Pädiatrie und die Embryologie müssen integriert werden, um ein guter Kinderchirurg zu werden. Auch haben wir ein einzigartiges und breites Patientenspektrum, vom Neugeborenen bis zum Teenager. Sowohl bezogen auf die Krankheitsbilder wie auch körperlich und psychosozial unterscheiden sich die verschiedenen Altersgruppen und jede hat ihre Besonderheiten. Fernab vom ausgelatschten Spruch, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind, bestehen sehr grosse Unterschiede zwischen einem 600 g schweren Säugling und einem 90 kg schweren Teenager. Und beide gehören zu den Patienten, die man unter Umständen innerhalb eines einzigen Tages behandelt. Dieser unglaubliche Reichtum ist mir in keinem anderen Fach bisher begegnet.

Welche Erwartungen hattest du vor Beginn der Weiterbildung? Welche haben sich bestätigt, welche verändert?

Meine Erwartungen an das Fach waren zum einen das breite chirurgische Feld mit seinen vielen Untergebieten, das feine chirurgische Arbeiten wie auch ein patienten-zentrierter Umgang im Vergleich zu anderen Disziplinen. Meine Erwartungen wurden diesbezüglich erfüllt. Was wiederum mehr Geduld erfordert als anfänglich erwartet, ist die Weiterbildung im Operationssaal.

Was macht aus deiner Sicht eine gute operative Ausbildung aus?

Eine hohe Fallzahl ist in jedem Bereich der Medizin hilfreich, um Erfahrungen und Expertise in einem Gebiet zu erlangen. Ich denke, das macht zusammen mit einer strukturierteren Weiterbildung, welche in der Schweiz extrem durchdacht und fundiert durchgeführt wird, eine gute operative Ausbildung aus.

Nichtsdestotrotz ist die Kinderchirurgie das Fach der "Einhörner". Wir haben Krankheitsbilder, die extrem selten sind, sodass keine hohen Fallzahlen zu erreichen sind. Hier finde ich es wichtig, komplexe und seltene Krankheitsbilder multizentrisch zu besprechen. So haben jungen Kolleg:innen während der Weiterbildung sowie auch die restlichen Kinderchirurg:innen die Möglichkeit, Erfahrung zu sammeln, z.B. durch eine Hospitation im Operationssaal oder in der stationären Patientenbetreuung.

Wie beurteilst du die aktuelle Weiterbildungssituation für Kinderchirurgie in der Schweiz?

Eine der grossen Stärken der Schweizer Weiterbildung ist die durchdachte Strukturierung mit klaren Zielen und zu erreichende Fallzahlen. Auch führt der geplante Wechsel der Weiterbildungsstätte zu einer Erweiterung von Expertise und Vernetzung in der Welt der Kinderchirurgie.

Zum anderen sind die Fallzahlen schwer zu erreichen, was zum einen dem Fach inhärent ist, wie auch durch die kleine Grösse der Schweiz und deren Geburtenrate bedingt ist. Auch werden aufgrund von Komplexität und/oder jungem Patientenalter viele Fälle oberärztlich operiert und betreut. Hier ist eine Unterteilung der Eingriffe in Teilschritten, von denen die ersten oder einfachen durch Assistenzärzt:innen durchgeführt werden, sinnvoll, um eine faktische Weiterbildung zu ermöglichen.

Welche Verbesserungen würdest du dir wünschen?

Ein möglicher Lösungsansatz ist das multizentrische Besprechen/Teilen von Fällen. Auch kann sehr viel durch Simulationslernen erreicht werden, wo in einem sicheren Rahmen Seltenes und potenziell Gefährliches häufig und sicher eingeübt werden kann. Letzteres sollte fester Bestandteil der Weiterbildung sein, insbesondere die Simulation von Operationen oder Teilschritten derselben. Zudem ist das Vervollständigen des Operationskataloges etwas, was teilweise mehrere Jahre über die angesetzte Weiterbildungszeit benötigt. Dies kann nur in enger Zusammenarbeit mit der Weiterbildungsstätte erfolgen. Hier benötigt es ein klares Commitment der Weiterbildner:innen, die jüngere Generation in Wissen und insbesondere Praxis auszubilden.

Hast du das Gefühl, dass junge Chirurg:innen heute andere Erwartungen an die Weiterbildung haben als frühere Generationen?

Die Weiterbildung in der Chirurgie ist lang und erfordert viel Einsatz, welchen ich bei allen jungen Chirurg:innen, mit denen ich Kontakt habe, erlebe. Was ich als Unterschied zur vorherigen Generation beobachte, ist, dass der Beruf zunehmend als solcher und nicht als Berufung im erweiterten Sinne verstanden wird. Die jüngere Generation ist weiterhin bereit, ein hohes Mass an Zeit und Engagement zu bringen. Es ist ihr aber auch wichtig, dies auch ausserhalb des Berufes zu machen, ob als Eltern, in Freiwilligenarbeit oder anderen Bereichen des Lebens. Ich denke, hier bestehen auch unterschiedliche Erfahrungswelten und Erwartungen. Wenn wir diese als solche erkennen und in Dialog treten, bin ich überzeugt, dass dies zu einer Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen wie auch der Patientenversorgung führen kann.

Zusätzlich wünschen junge Chirurg:innen oftmals regelmässiges und konkretes Feedback im Laufe ihrer Weiterbildung, was auch zunehmend strukturell implementiert wird.

Wie wird sich die Kinderchirurgie deiner Meinung nach in den nächsten zehn Jahren verändern?

Es gibt Entwicklungen, welche zunehmend in unseren Arbeitsalltag integriert sein werden, was auch viele andere Bereiche der Medizin betrifft. So werden bereits jetzt KI-generierte Arztbriefe erstellt und 3D Modelle zur besseren Planung komplexer Eingriffe generiert. Diese Prozesse werden voraussichtlich immer weiterentwickelt werden. Zunehmend spielt auch Robotik eine Rolle bei Operationen, wobei Geräte, welche an die Grössenverhältnisse von insbesondere Säuglingen und Kleinkinder angepasst sind, kaum vorhanden und unzureichend in der Ausführung sind. In diesem Feld kann ein Fortschritt stattfinden. Auch hoffe ich, dass Krankheiten, welche wir noch nicht ganz begreifen, zunehmend erforscht und verstanden werden.

Grundsätzlich sind Bereiche der Medizin, die Kinder behandeln, keine, welche als besonders lukrativ gelten. Dies führt zu geringeren Investitionen im Allgemeinen wie auch bei der Finanzierung von Forschung. Ich hoffe sehr, dass zunehmend ein Bewusstsein dafür entsteht, dass eine Investition in unsere Kinder eine Investition in unsere Zukunft ist und für unser aller Wohl geschieht.

Ich denke, vieles ist möglich, wenn wir es als Gesellschaft wollen.

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