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Focus

Neun Jahre Weiterbildungsnetzwerk Chirurgie

Struktur, praktische Umsetzung und erfahrungsbasierte Einordnung eines kooperativen Weiterbildungsmodells

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Das Weiterbildungsnetzwerk Chirurgie stellt ein institutionsübergreifendes Modell zur Organisation der chirurgischen Facharztweiterbildung in der Schweiz dar. Dieser Bericht soll neben der strukturellen Analyse des Netzwerks insbesondere dessen praktische Umsetzung beleuchten. Ergänzend erfolgt eine kritische Reflexion der Stärken und Herausforderungen im klinischen Alltag. Die Ergebnisse zeigen, dass durch die koordinierte Zusammenarbeit mehrerer Spitäler eine standardisierte, qualitativ hochwertige und zugleich praxisnahe Weiterbildung ermöglicht wird. Die langfristige Stabilität des Netzwerks unterstreicht dessen Nachhaltigkeit und Modellcharakter.

1. Einleitung

Die chirurgische Weiterbildung erfordert die kontinuierliche Entwicklung operativer Fertigkeiten unter realen klinischen Bedingungen. Während strukturierte Curricula zunehmend an Bedeutung gewinnen, bleibt jedoch die konkrete Umsetzung im klinischen Alltag entscheidend für den Ausbildungserfolg.

Das Weiterbildungsnetzwerk Chirurgie verbindet ein standardisiertes Ausbildungskonzept mit rotationsbasierten Einsätzen in unterschiedlichen Spitälern. Die nachfolgende Darstellung ergänzt die strukturelle Beschreibung des Netzwerks durch Beispiele, die Einblick in die tatsächliche Weiterbildungssituation geben.

2. Konzept und Zielsetzung des Weiterbildungsnetzwerks Chirurgie

Das Weiterbildungsnetzwerk Chirurgie ist als koordinierter Verbund mehrerer Spitäler konzipiert, die gemeinsam ein strukturiertes Weiterbildungsprogramm anbieten. Ziel ist die Sicherstellung einer umfassenden und qualitativ konsistenten Ausbildung im Hinblick auf den Erwerb des Facharzttitels Chirurgie.

Spitäler des Weiterbildungsnetzwerkes Chirurgie sind: Spital Bülach, Spital GZO Wetzikon, Hirslanden Zürich, Kantonsspitäler Schaffhausen, Kantonsspital Winterthur, Seespital Horgen, Spital Uster, Stadtspital Zürich, Universitätsspital Zürich

Das zugrunde liegende Konzept basiert auf der Integration komplementärer Ressourcen und Kompetenzen verschiedener Institutionen. Durch die gezielte Abstimmung von Ausbildungsinhalten, Einsatzorten und Lernzielen wird eine systematische Kompetenzentwicklung ermöglicht.

Ein zentrales Element stellt die Standardisierung der Weiterbildung dar. Definierte Curricula, strukturierte Rotationen sowie regelmässige Evaluationen gewährleisten Transparenz und Vergleichbarkeit der Ausbildungsfortschritte.

«Das Netzwerk ist eine Chance für beide, für die jungen Chirurgen/innen und für die Weiterbildner/innen. Die Weiterbildung im Netzwerk ist effizient, qualitativ hochstehend und strukturiert. Es führt ausserdem zu einer coolen Interaktion und wertvollen Zusammenarbeit zwischen Führungspersonen und den jungen Talenten.»

Prof. Dr. med. Stefan Breitenstein, CMO Kantonsspital Winterthur

3. Selbstständig im Operations-Alltag

3.1 Erwerb operativer Basisfertigkeiten

In der ersten Phase der Weiterbildung profitieren Assistenzärztinnen und Assistenzärzte insbesondere von Einsätzen, bei welchen sie unter Assistenz schnell befähigt werden, einfachere Eingriffe selbstständig durchzuführen.

Diese frühe praktische Einbindung stellt einen entscheidenden Faktor für die Entwicklung chirurgischer Selbstständigkeit dar.

Durch ein regelmässiges Monitoring der Operations-Soll-Zahlen (durchschnittlich alle 3 Monate) wird sichergestellt, dass das OP-Curriculum entsprechend eingehalten wird oder notwendige Korrekturen besprochen und vorgenommen werden.

3.2 Vertiefung durch Spezialisierung

Im weiteren Verlauf der Weiterbildung erfolgt eine Rotation, bei welcher die Selbstständigkeit unter Assistenz immer mehr gefördert wird. Hier verschiebt sich der Fokus von der eigenständigen Durchführung einfacher Eingriffe hin zur assistierenden und schrittweisen Übernahme komplexerer Operationen.

Beispielsweise kann die Beteiligung an einer viszeralchirurgischen Tumorresektion Einblicke in präoperative Planung, intraoperative Entscheidungsfindung und postoperative Betreuung bieten.

Diese Erfahrungen erweitern nicht nur das operative Spektrum, sondern fördern auch das Verständnis für interdisziplinäre Zusammenarbeit.

3.3 Teamintegration und Lernkultur

Ein weiterer praxisrelevanter Aspekt ist die Integration in wechselnde Teams.

Während ein Standortwechsel initial mit einem erhöhten Anpassungsaufwand verbunden ist, berichten viele Assistenzärztinnen und Assistenzärzte von einem positiven Lerneffekt: Unterschiedliche Führungsstile, Lehrmethoden und klinische Abläufe fördern die Entwicklung von Flexibilität und sozialer Kompetenz.

Ein Beispiel ist der Vergleich zwischen einem stark hierarchisch organisierten Team und einem eher flach strukturierten Arbeitsumfeld. Beide Systeme bieten unterschiedliche Lernmöglichkeiten, erfordern jedoch jeweils spezifische Anpassungsstrategien.

4. Organisation und Ablauf der Weiterbildung

4.1 Zugang und Einstiegsphase

Der Eintritt in das Netzwerk erfolgt typischerweise nach Absolvierung der klinischen Grundausbildung (1-2 Jahre). Diese dient der Vermittlung erster klinischer Kompetenzen und stellt eine Voraussetzung für die weiterführende chirurgische Spezialisierung dar.

4.2 Assessment

Bei Interesse einer Weiterbildung im Rahmen des Weiterbildungsnetzwerkes empfehlen wir eine Bewerbung nach dem ersten Grundjahr als Assistenzarzt/-ärztin. Nach Prüfung aller Vorgaben – welche auf der Homepage wbchirurgie.ch zu finden sind, wird die/der Kandidat/die Kandidatin zu einem Assessment aufgeboten, bei welchem alle Weiterbildungsverantwortlichen der Spitäler anwesend sind.

4.3 Rotationssystem

Das Rotationssystem bildet das strukturelle Kernstück des Weiterbildungsprogramms. Assistenzärztinnen und Assistenzärzte absolvieren definierte Ausbildungsabschnitte an verschiedenen Standorten innerhalb des Netzwerks.

Diese Rotationen erfolgen auf Grundlage eines koordinierten Plans, der sowohl die individuellen Ausbildungsbedürfnisse als auch die Anforderungen des Weiterbildungscurriculums berücksichtigt.

5. Attraktivität des Netzwerks für Assistenzärztinnen und Assistenzärzte

Die Attraktivität des Weiterbildungsnetzwerks Chirurgie ergibt sich aus mehreren strukturellen und inhaltlichen Faktoren.

Ein zentraler Aspekt ist die hohe Planungssicherheit. Durch die klar definierte Struktur der Weiterbildung werden Unsicherheiten hinsichtlich Einsatzorten, Ausbildungsinhalten und zeitlichem Verlauf reduziert.

Darüber hinaus ermöglicht das Netzwerk eine breite klinische Ausbildung, die über das Spektrum einer einzelnen Institution hinausgeht. Dies fördert nicht nur die fachliche Kompetenz, sondern auch die Adaptionsfähigkeit in unterschiedlichen klinischen Kontexten.

Die ausgeprägte Praxisorientierung stellt einen weiteren entscheidenden Vorteil dar. Der kontinuierliche Einbezug in operative und klinische Abläufe unterstützt den Erwerb praktischer Fertigkeiten in einem realitätsnahen Setting.

Nicht zuletzt trägt die geografische Organisation des Netzwerks zur Verbesserung der Vereinbarkeit von beruflichen Anforderungen und privaten Lebensumständen bei. Die Möglichkeit, den Wohnort beizubehalten, reduziert zusätzliche Belastungen und erhöht die Attraktivität des Programms.

«Das Weiterbildungsnetzwerk gab mir in den Anfängen meiner chirurgischen Ausbildung eine Struktur und Chance – angefangen dadurch, dass ich ohne gar nicht meine Wunschstelle in Winterthur bekommen hätte. Ich spürte einen stetigen Zusammenhalt, war gefordert, wurde gefördert. Als sich gegen Ende meiner Ausbildungszeit meine beruflichen Pläne in eine andere Richtung entwickelten, stiess ich auf offene und verständnisvolle Ohren und es wurde gemeinsam eine Lösung gesucht. Heute bin ich Notfallmedizinerin mit einem chirurgischen Facharzttitel an einem Universitätsspital und könnte glücklicher nicht sein. Rückblickend würde ich nichts anders machen.»

Dr. med. Katharina Reinisch, OA Inselspital, Universitätsspital Bern
Alumni Weiterbildungsnetzwerk Chirurgie

6. Kritische Reflexion anhand praktischer Erfahrungen

6.1 Herausforderungen der Rotation

Die Rotation zwischen verschiedenen Spitälern bringt neben den genannten Vorteilen auch Herausforderungen mit sich.

Ein konkretes Problem ist die Einarbeitungszeit an einem neuen Standort. Administrative Abläufe, IT-Systeme und klinische Prozesse unterscheiden sich teilweise erheblich, was initial zu Effizienzverlusten führen kann.

6.2 Unterschiedliche Ausbildungsqualität

Trotz standardisierter Vorgaben kann die tatsächliche Ausbildungsqualität zwischen einzelnen Standorten variieren.

Beispielsweise kann die operative Einbindung stark vom jeweiligen Team, der Personalstruktur oder der aktuellen Arbeitsbelastung abhängen. Dies führt dazu, dass Assistenzärztinnen und Assistenzärzte unterschiedliche Erfahrungen machen, obwohl sie sich im selben Netzwerk befinden.

6.3 Individuelle Schwerpunktsetzung

Ein weiterer kritischer Punkt ist die begrenzte Möglichkeit zur individuellen Schwerpunktsetzung innerhalb eines stark strukturierten Programms.

Eine Assistenzärztin / ein Assistenzarzt mit besonderem Interesse an einer spezifischen Subdisziplin (z. B. Gefässchirurgie oder Kolorektalchirurgie) kann unter Umständen weniger flexibel auf entsprechende Rotationen Einfluss nehmen.

«In einem System, in dem Assistenzärzte nur schwer ihre berufliche Weiterentwicklung planen können, hat mir das WB-Netzwerk diese reibungslose Möglichkeit gegeben. Neben dem Aufbau eines Netzwerks von Chirurgen und Chirurginnen für zukünftige Generationen konzentriert sich das Programm auf die Ausbildung von Ärzten und Ärztinnen, die eine exzellente Behandlungsqualität der Bevölkerung gewährleisten.»

Pract. med. Folco Solimene, OA meV Kantonsspital Winterthur
Alumni Weiterbildungsnetzwerk Chirurgie

7. Einordnung und Ausblick

Die Kombination aus strukturierter Planung und praxisnaher Umsetzung macht das Weiterbildungsnetzwerk Chirurgie zu einem innovativen Modell mit hoher Relevanz für die medizinische Weiterbildung.

Die praxisbasierten Beispiele verdeutlichen, dass der Erfolg des Netzwerks nicht allein auf seiner konzeptionellen Struktur beruht, sondern wesentlich durch die Qualität der Umsetzung im klinischen Alltag bestimmt wird.

Für die zukünftige Weiterentwicklung erscheint insbesondere eine stärkere Individualisierung der Rotationen sowie eine weitere Harmonisierung der Ausbildungsqualität zwischen den Standorten sinnvoll.

Darüber hinaus könnte die systematische Erhebung von Erfahrungsdaten (z. B. durch Evaluationen der Assistenzärztinnen und Assistenzärzte) zur kontinuierlichen Verbesserung beitragen.

8. Einzigartigkeit und systemische Bedeutung

Das Weiterbildungsnetzwerk Chirurgie nimmt innerhalb der schweizerischen Weiterbildungslandschaft eine besondere Stellung ein. Im Gegensatz zu traditionellen, institutionsgebundenen Ausbildungsmodellen basiert es auf einer systematischen und langfristig angelegten Kooperation mehrerer unabhängiger Einrichtungen.

Diese Form der Organisation ermöglicht eine Harmonisierung der Ausbildungsqualität und reduziert die Abhängigkeit von individuellen institutionellen Gegebenheiten. Gleichzeitig werden Synergien genutzt, indem spezifische Stärken einzelner Standorte gezielt in das Gesamtprogramm integriert werden.

In dieser Kombination aus Standardisierung, Kooperation und Praxisorientierung liegt die besondere Innovationskraft des Netzwerks.

Ein herausragendes Merkmal des Weiterbildungsnetzwerks Chirurgie ist seine nachhaltige Funktionsfähigkeit über mehrere Jahre hinweg. Seit seiner Etablierung hat sich das Netzwerk kontinuierlich weiterentwickelt und an veränderte Anforderungen angepasst.

Die langfristige Stabilität beruht auf mehreren Faktoren: einer klaren organisatorischen Struktur, einer verbindlichen Zusammenarbeit der beteiligten Institutionen sowie einer kontinuierlichen Qualitätssicherung.

Im Gegensatz zu zeitlich begrenzten Pilotprojekten handelt es sich um ein dauerhaft implementiertes Modell, das sich in der Praxis bewährt hat. Diese Nachhaltigkeit unterstreicht den Modellcharakter des Netzwerks und seine potenzielle Übertragbarkeit auf andere Fachbereiche.

«Das Weiterbildungsnetzwerk ist ein echtes Commitment für das Teaching der nächsten Generation. Das Recht auf Aus- und Weiterbildung unseres Nachwuchses steht im Zentrum seiner Bemühungen. Die Ergebnisse der letzten Jahre sind ein Beweis dafür, dass Chirurgie praktisch, theoretisch und patientenorientiert in einem klar definierten Zeitfenster von 6 Jahren erlernt werden kann. Die Abgänger/Innen aus unserem Netzwerk sind selbstständig einsetzbare, fachlich und insbesondere operativ überdurchschnittlich kompetente Leistungsträger im klinischen Alltag, wir müssen stolz darauf sein!»

Prof. Dr. med. Othmar Schöb, Chirurgisches Zentrum, Klinik Hirslanden Zürich

9. Schlussfolgerung

Das Weiterbildungsnetzwerk Chirurgie vereint strukturierte Weiterbildung mit praxisnaher klinischer Erfahrung. Die Integration konkreter Beispiele zeigt, dass insbesondere die Kombination unterschiedlicher klinischer Settings einen erheblichen Mehrwert für die Ausbildung darstellt.

Gleichzeitig verdeutlichen die Erfahrungen aus dem klinischen Alltag, dass Herausforderungen in den Bereichen Rotation, Koordination und Individualisierung bestehen.

Vor dem Hintergrund zunehmender Anforderungen an die medizinische Weiterbildung kann das Netzwerk als richtungsweisendes Modell betrachtet werden, das sowohl strukturelle Effizienz als auch inhaltliche Qualität vereint.

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